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Version vom 26. Mai 2026, 16:05 Uhr
Hospize für Kinder und Jugendliche begleiten ihre Gäste oft über viele Jahre und bringen den Familien eine große Entlastung. Ihre Finanzen sind jedoch klamm.
in Kinderhospiz ist eine spezia-
lisierte Entlastungsinfrastruk-
tur für Familien mit Kindern,
Jugendlichen und jungen Er-
wachsenen, die an einer lebensverkür-
zenden Erkrankung leiden“, erklärt Ro-
land Penz, der das älteste Kinder- und Ju-
gendhospiz Deutschlands, das Balthasar
in Olpe, leitet. Während Hospize für Er-
wachsene primär die finale Lebensphase
begleiteten, setze die Kinderhospizarbeit
schon ab der Diagnosestellung ein; man
begleite Familien oft über Jahre oder gar
Jahrzehnte.
„Das Kernangebot umfasst stationäre
Entlastungsaufenthalte, bei denen die
medizinische Pflege des Kindes temporär
von Fachkräften übernommen wird, um
dem Familiensystem eine Entlastung
vom Alltag zu bieten.“ Nach Schätzungen
leben in Deutschland mehr als 100.000
Kinder und Jugendliche mit lebensver-
kürzenden Erkrankungen.
Nach Angaben des Deutschen Kinder-
hospizvereins (DKHV), dem Petra Kiwitt
und Marcel Globisch vorstehen, gibt es
hierzulande 22 stationäre Einrichtungen,
darunter sind zwei Tageshospize, die Fa-
milien in der letzten Lebensphase ihres le-
bensverkürzend erkrankten Kindes be-
gleiteten. Außerdem existierten 171 am-
bulante Kinder- und Jugendhospizdienste.
Im stationären Hospiz werden Kinder
und Jugendliche meistens wenige Wo-
chen im Jahr aufgenommen; Eltern und
Geschwister sollen durchschnaufen kön-
nen. Der ambulante Dienst setzt hin-
gegen dort an, wo das Leben der Familien
stattfindet: in ihrem eigenen Zuhause. Er
sei so wichtig, weil die Familien die restli-
chen 48 bis 50 Wochen des Jahres allein
bewältigen müssten, sagt Janin Weisser,
Vorstandsreferentin im DKHV. Ehren-
amtliche Mitarbeiter hören zu und be-
gleiten die kranken Kinder und deren
Geschwister. Ziel sei, das Familiensystem
so zu stabilisieren, dass ein Verbleib in
der gewohnten Umgebung dauerhaft
möglich sei.
Die ersten ambulanten Kinderhospiz-
dienste entstanden 1997. 1998 eröffnete
dann das erste stationäre Kinderhospiz in
Olpe. Ein Meilenstein war die Durchset-
zung von Rahmenvereinbarungen für den
ambulanten und stationären Bereich, um
die Finanzierung und Qualitätsstandards
rechtlich abzusichern. Der DKHV be-
schäftigt 1500 ehrenamtliche und 185
hauptamtliche Mitarbeiter. Mit einem
Budget von rund 16 Millionen Euro für
2026 will der Verein die Professionalisie-
rung voranbringen.
Rund 70 Prozent der Arbeit refinan-
ziert man über freiwillig gegebene Mittel.
Der Spendenanteil lag nach dem Ge-
schäftsbericht 2024 bei knapp 44 Pro-
zent, aus Erbschaften stammten knapp
zehn Prozent. Etwa 13 Prozent waren
Förderbeiträge von Stiftungen. Die ande-
ren 30 Prozent des Budgets setzten sich
aus gesetzlichen Förderungen der Kran-
kenkassen sowie Beiträgen und Erträgen
zusammen, dazu gehören Mitgliedsbei-
träge und das Sammeln von Zahngold.Der Fachkräftemangel ist auch in der
Kinder- und Jugendhospizarbeit ange-
kommen. Die Qualifikationsanforderun-
gen, die in den Rahmenvereinbarungen
festgelegt werden, sind hoch. Das sei
grundsätzlich richtig, sagt Globisch; doch
wünscht er sich mehr Pragmatismus sei-
tens der Krankenkassen.
„2007 wurde eine Kollegin, die in ihrer
Grundausbildung Buchhändlerin war, auf-
grund ihrer Qualifikation als Trauerbe-
gleiterin und weiterer Praxiserfahrungen
im Feld der Kinder- und Jugendhospiz-
arbeit als Fachkraft anerkannt“, berichtet
Globisch. Heute würden selbst sehr geeig-
nete Personen mit jahrelanger hauptberuf-
licher Erfahrung in angrenzenden Arbeits-
feldern abgelehnt, wenn sie nicht exakt die
geforderte dreijährige Berufserfahrung in
der Pflege oder Pädagogik sowie spezifi-
sche Weiterbildungen im Umfang von 320
Stunden nachweisen könnten.
In den Anfangsjahren sei man fast voll-
ständig auf Spenden angewiesen gewe-
sen, erzählt Penz vom Kinderhospiz Bal-
thasar. „Die Kassen wussten noch gar
nicht, wie sie solche Leistungen abrech-
nen sollten.“ Ein Hospiz, das nicht hei-
len, sondern begleiten wollte, habe in
kein Abrechnungsschema gepasst.
„Eine echte Verhandlungsgrundlage für
unser Einrichtungsbudget haben wir seit
2017“, sagt Penz. Mit einem Jahresbudget
von etwa sechs Millionen Euro leitet er ein
mittelständisches Sozialunternehmen.
Doch bleibe die ökonomische Realität eine
Herausforderung. So tauche ein Herzstück
der Arbeit, die psychosoziale Unterstüt-
zung der Eltern und Geschwister sowie die
Trauerbegleitung, in den klassischen Ab-
rechnungsmodalitäten kaum auf.
„Wir finanzieren uns zu etwa 50 Pro-
zent aus Spenden“, berichtet Penz weiter.
Das sei eine bittere Notwendigkeit und
gelinge unter anderem wegen einer pro-
fessionellen Öffentlichkeitsarbeit. Allein
der regelmäßige Infobrief generiert jähr-
lich rund 280.000 Euro. Rund 60 Prozent
des Budgets fließen in die reine Pflege,
die von 41 der 72 hauptamtlichen Mit-
arbeiter geleistet wird. Das Hospiz be-
treut laut Penz rund 230 Gäste im Alter
von einem bis 28 Jahren, die jeweils
einen bis drei Aufenthalte im Jahr haben.
Luis ist mit 19 Jahren der jüngste Sohn
von Sandra Wandtke aus Velbert. Er lebt
mit einer spastischen Zerebralparese,
einer Bewegungs- und Haltungsstörung,
die durch eine frühkindliche Schädigung
des Gehirns verursacht wird; die Diagnose
wurde im zehnten Lebensmonat gestellt.
„Er leidet unter einer schweren Spastik in
beiden Armen und Beinen, kann weder
frei sitzen noch stehen und ist dauerhaft
auf den Rollstuhl sowie fremde Hilfe ange-
wiesen“, berichtet Wandtke.
Obwohl die Zerebralparese kein fort-
schreitender Prozess im Gehirn ist, hat
Luis Anspruch auf Hospizleistungen,
weil lebensbedrohliche Komplikationen
möglich sind. Seit vier Jahren nutzt die
Familie die Entlastungsaufenthalte im
Kinder- und Jugendhospiz Regenbogen-
land in Düsseldorf. „Es ist einfach toll,
dass man eine Woche oder ein paar Tage
hat, um durchzuschnaufen“, sagt Wandt-
ke. Der administrative Aufwand für Pfle-
geanträge, Telefonate mit Kassen und die
Koordination von Hilfsmitteln stelle al-
lerdings einen kleinen Halbtagsjob dar.
„Man versteht, dass Krankenkassen auf
Kosten achten müssen, aber nicht auf
Kosten derjenigen, die es schon so
schwer genug haben.“
Besonders schlimm findet sie die öko-
nomische Trägheit des Systems. „Luis be-
nötigt sowohl Fuß- als auch Handorthe-
sen. Beide haben wir im vergangenen Jahr
aufgrund von Verschleiß und Wachstum
neu beantragt“, erzählt sie. Beide Anträge
wurden abgelehnt und aus Kostengründen
auf konfektionierte Orthesen verwiesen.
„Mit denen würde Luis allerdings nicht zu-
rechtkommen, er benötigt maßangefertig-
te Orthesen. Also haben wir Widerspruch
eingelegt, und es hat über ein halbes Jahr
gedauert, bis er die richtigen Orthesen be-
kommen hat – in dieser Zeit haben sich
seine Kontrakturen verschlimmert.“ So et-
was sei schwer zu ertragen.
Für Wandtkes älteren Sohn Len, 21
Jahre, ist das Geschwisterprogramm ein
Anker: „Er hat seinen Radius erweitert,
neue Kontakte geknüpft und sich persön-
lich enorm weiterentwickelt“, erzählt die
Mutter. Sie hat ihren Beruf aufgegeben,
um als „Hausfrau, Mutter und Pflege-
kraft“ die Lücken zu füllen.
Zum 1. Juli 2025 gab es für die Fami-
lien eine gesetzliche Neuerung: die Zu-
sammenlegung der Budgets für Kurz-
zeitpflege und Verhinderungspflege
(wenn Angehörige ausfallen) zum „Ge-
meinsamen Jahresbetrag“ von bis zu gut
3500 Euro. Der DKHV heißt die flexible-
re Nutzung grundsätzlich gut, weist aber
auf „Kollateralschäden“ in der Umset-
zung hin, die auch die Verbände nicht
antizipiert hätten: „Familien machen die
Erfahrung, dass aufgrund des Wortlauts
der gesetzlichen Neuregelung Kranken-
kassen den Gesamtbetrag der Kurzzeit-
pflege und Verhinderungspflege für Auf-
enthalte in den stationären Kinderhospi-
zen anrechnen, was zur Folge hat, dass
ihnen somit Gelder für den Einsatz für
die so wichtige Entlastung zu Hause in
Form der Verhinderungspflege fehlen.“
Familien müssten entscheiden, ob
eine Kurzzeitpflege oder eine Verhinde-
rungspflege für sie wichtiger sei als ein
Entlastungsaufenthalt, erklärt Juliane
Schulze, Geschäftsführerin des Kinder-
hospizes Löwenherz in Syke. Die Re-
form bezeichnet sie als Etikettenschwin-
del; sie löse das Grundproblem der
Unterfinanzierung nicht.
Das Kinderhospiz Löwenherz muss
jährlich rund 3,7 Millionen Euro an
Spenden sammeln, um den stationären
und ambulanten Betrieb abzusichern.
Die Kassen refinanzierten etwa ein Drit-
tel. „Wir müssen gucken, wie wir zwei
Drittel der Gesamtsumme anderweitig
einwerben“, sagt Schulze. Ständig treibe
sie die Sorge um, ob man den jetzigen Be-
trieb aufrechterhalten könne.
Pia Krause
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen