Frauen sind einfach feinfühliger: Unterschied zwischen den Versionen
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Version vom 2. Juni 2026, 15:47 Uhr
Sehbehinderte Frauen entdecken schon kleinste Mammakarzinome. Discovering Hands vermittelt sie an gynäkologische Praxen.
frame|Die Diagnose liegt in ihren Händen: Eine blinde Tastuntersucherin nimmt Veränderungen in der Brust differenzierter wahr. Jedes Jahr erhalten nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums etwa 70.500 Patientinnen die Diagnose Brustkrebs. Rund jede achte Frau in Deutschland erkrankt im Laufe ihres Lebens an dieser für Frauen häufigsten Krebserkrankung. Auch wenn die Wissenschaft immense Anstrengungen zur Erforschung neuer Therapieformen unternimmt und beachtliche Fortschritte erzielt hat, ist im Kampf gegen die heimtückische Erkrankung die Früherkennung der maßgebliche Faktor. Die rechtzeitige Erkennung eines Tumors vor der Metastasierung kann über Leben und Tod entscheiden.
Weil das Risiko eines Mammakarzinoms mit dem Alter steigt – das mittlere Erkrankungsalter sind 64 Jahre – haben Frauen ab 50 Jahre in Deutschland alle zwei Jahre einen Anspruch auf eine Mammographie. Zuvor und ergänzend ist die Tastuntersuchung der Brust von zentraler diagnostischer Bedeutung. Die Treffsicherheit hänge jedoch stark von der Erfahrung, der Genauigkeit und der Sensibilität der Untersuchenden ab, erklärt Frank Hoffmann, Gynäkologe und Geschäftsführer der Discovering Hands gUG.
Er sei unter dem täglichen Zeitdruck in der gynäkologischen Praxis oftmals nicht sicher gewesen, ob er alles, was er hätte finden können, auch gefunden habe, berichtet Hoffmann. Daher habe er 2006 überlegt, ob man den exzellent entwickelten und trainierten Tastsinn stark sehbehinderter oder blinder Frauen dafür nutzen könne. Daraus entwickelte er das Projekt, Frauen mit wesentlichen Sehbehinderungen in der Tastuntersuchung systematisch auszubilden.
Hoffmanns Idee wurde in zwei Erprobungsphasen geprüft, mit Erfolg. 2011 wurde die gemeinnützige Unternehmensgesellschaft gegründet; in ihr werden die Erträge für gemeinnützige Zwecke verwendet. 2013 folgte die Tochtergesellschaft Discovering Hands Service GmbH mit Sitz in Mülheim an der Ruhr. Sie vermittelt seit 2016 die ausgebildeten Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTU) an Praxen und Kliniken.
Wegen der besonderen Verbindung von innovativem medizinischem Ansatz und Inklusion sehbehinderter Frauen ist das Unternehmen laut Hoffmann inzwischen international als vorbildliches Sozial- und Integrationsunternehmen anerkannt und habe mehrere Preise erhalten. Außerdem gebe es mittlerweile Pilotprojekte in Kolumbien, Mexiko und Nepal. Zudem arbeiten Teams in Indien, der Schweiz und Österreich daran, das Modell in den nationalen Gesundheitsbereich zu implementieren. Insbesondere das Projekt in Indien laufe schon erfolgreich.
Die erste Testphase finanzierte der Landschaftsverband Rheinland, wie Hoffmann berichtet. Die zweite Erprobungsphase habe dann dazu gedient, das Projekt auch an anderen deutschen Standorten zu ermöglichen; die Mittel kamen vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Die gemeinnützige Muttergesellschaft konnte sich vor allem durch Spenden und Preisgeld finanzieren. Die GmbH bekam Geld vom Social Impact Fonds Bonventure und der KfW. Hinzu kamen mehrere Finanzierungsrunden von Impact-Investoren.
Im Juli 2023 geriet die GmbH laut Hoffmann in eine kurze wirtschaftliche Schieflage. Nun liege die Discovering Hands Service GmbH über Plan und könne sich durch eigene Einnahmen finanzieren. Die Umsatzzahlen betrugen laut Geschäftsführer der GmbH, Arndt Helf, 2023 rund 1,2 Millionen Euro und werden 2024 voraussichtlich auf 1,5 Millionen Euro steigen. Das Unternehmen erziele seinen Umsatz durch das Ausleihen der MTU über Arbeitnehmerüberlassung und durch den Verkauf patentierter Orientierungsstreifen.
Die Orientierungsstreifen sind eine Erfindung von Discovering Hands. Sie werden auf den Oberkörper der Patientinnen geklebt und mit Brailleschrift versehen. Sie dienen den MTU in den Untersuchungen als Orientierung. Die Untersuchung kostet nach der Gebührenordnung für Ärzte zwischen 52,50 und 64,75 Euro je nach Versicherung. Gut dreißig Krankenkassen übernehmen inzwischen die Kosten.
In Mühlheim an der Ruhr arbeiten mittlerweile 13 Mitarbeiter, die sich um 43 MTU in Deutschland kümmern. Drei Mitarbeiter und fünf MTU sind im Dis - covering-Zentrum in Berlin tätig. Eine MTU betreut zwei bis drei Praxen; rund 100 Praxen in Deutschland bieten die sogenannte Taktilographie an. Außerdem wurden gut 40 MTU in dem Pilotprojekt in Österreich, der Schweiz, Indien, Kolumbien und Nepal ausgebildet.
Kandidatinnen für die Ausbildung zu finden war zu Anfang nicht leicht. Dies liegt laut Hoffmann daran, dass viele unsicher waren, ob sie eine so wichtige diagnostische Verantwortung übernehmen können. Nachdem das Projekt etwas bekannter wurde, meldeten sich immer mehr Kandidatinnen, da sie von der Idee begeistert waren, mit ihren besonderen Fähigkeiten anderen zu helfen. Die Ausbildung dauert etwa zehn Monate.
Die Taktilographie soll die anderen Arten der Früherkennung, die Sonographie und Mammographie, auf keinen Fall ersetzen. Sie ist in der Regel wesentlich sensitiver (feinfühliger) als die ärztliche Tastuntersuchung. Nach Angaben von Hoffmann liegt das daran, dass die MTU drei Tiefenschichten abtasteten und auch die Lymphabflussgebiete überprüften. Wegen ihres besonders ausgeprägten Tastsinns nähmen sie Veränderungen deutlich differenzierter und umfassender wahr, sie könnten schon Gewebeveränderungen zwischen 6 und 8 Millimeter Durchmesser erkennen – in der ärztlichen Diagnostik könnten 1 bis 2 Zentimeter ertastet werden. Nach einer Studie von Ashoka und McKinsey aus dem Jahr 2019 entdecken MTU im Vergleich zu Gynäkologen bis zu 50 Prozent kleinere und gut 30 Prozent mehr abklärungsbedürftige Befunde.
Die MTU stellen nicht die Diagnosen. Sie leiten ihren Befund an die Ärzte weiter. Sofern es erforderlich ist, leiten diese dann weitere diagnostische Maßnahmen ein. Von den vollbeschäftigten MTU werden jeweils 800 Untersuchungen im Jahr durchgeführt. Jedes Jahr profitierten mehr als 30.000 Frauen von dieser Methode.
Carla Julie Grolle
4. JULI 2024